Im Forschungsprojekt WoEnMo untersuchen wir, wie Wohnkosten, Energiekosten und Mobilitätskosten zusammenwirken. Diese Kosten steigen seit Jahren und belasten immer mehr private Haushalte in Deutschland. Betroffen sind nicht nur Haushalte mit niedrigem Einkommen. Auch Menschen aus mittleren Einkommensgruppen müssen zunehmend zwischen verschiedenen Ausgaben abwägen. Sie sparen beispielsweise bei Ernährung, Gesundheit, Freizeit oder gesellschaftlicher Teilhabe.
Das Kostendreieck aus Wohnen, Energie und Mobilität
Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Sie bilden ein eng verbundenes Kostendreieck. Die Höhe der Belastung hängt unter anderem davon ab:
- wo ein Haushalt wohnt,
- wie hoch die Miete oder Kreditbelastung ist,
- wie energieeffizient das Wohngebäude ist,
- welche Heiz- und Stromkosten entstehen,
- wie weit alltägliche Wege sind,
- welche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen und
- wie hoch das Haushaltseinkommen ist.
Ein Umzug in eine günstigere oder energieeffizientere Wohnung ist nicht für alle Haushalte möglich. Auch der Wechsel zu einem günstigeren Verkehrsmittel ist häufig schwierig. Besonders Haushalte mit geringen finanziellen und räumlichen Handlungsmöglichkeiten können deshalb im Kostendreieck aus Wohnen, Energie und Mobilität gefangen sein (Großmann et al. 2024).
Bezahlbares Wohnen, Energiearmut und Mobilitätsarmut
In der Wissenschaft werden die Themen bezahlbares Wohnen, Energiearmut und Mobilitätsarmut intensiv untersucht. Meist geschieht dies jedoch getrennt voneinander. Bisherige Studien betrachten häufig nur einen oder zwei der folgenden Bereiche:
- die Bezahlbarkeit des Wohnens,
- die Belastung durch Heiz- und Stromkosten,
- die Kosten alltäglicher Mobilität,
- den Zugang zu öffentlichem Verkehr oder
- die sozialen Folgen hoher Lebenshaltungskosten.
Das Zusammenspiel aller drei Kostendimensionen wurde bislang nur in Ansätzen erforscht. Besonders für Deutschland fehlen umfassende empirische Daten. Internationale Untersuchungen zeigen bereits, dass Haushalte zwischen grundlegenden Bedürfnissen abwägen müssen. Diese Situation wird mit Formulierungen wie „Eating, heating or taking the bus“ beschrieben: essen, heizen oder den Bus nutzen (Martiskainen et al. 2023).
Wohnstandortkosten unterscheiden sich zwischen Stadt und Land
Die tatsächliche Kostenbelastung eines Haushalts hängt stark vom Wohnort ab. Dabei entstehen deutliche Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Das Wohnen auf dem Land erscheint auf den ersten Blick häufig günstiger. Niedrigere Mieten können jedoch durch andere Ausgaben ausgeglichen oder sogar übertroffen werden.
Mögliche Belastungen im ländlichen Raum sind:
- längere Wege zur Arbeit, Schule oder medizinischen Versorgung,
- eine stärkere Abhängigkeit vom eigenen Auto,
- ein eingeschränktes Angebot des öffentlichen Nahverkehrs,
- höhere Kraftstoffkosten,
- ältere Wohngebäude und
- ein höherer Energiebedarf für Heizung und Warmwasser.
In Städten sind die Wege oft kürzer und das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln ist größer. Gleichzeitig können hohe Mieten und Wohnungsknappheit die Haushalte stark belasten.
Deshalb betrachtet WoEnMo nicht nur einzelne Ausgaben. Im Mittelpunkt stehen die gesamten integrierten Wohnstandortkosten.
Wer ist besonders von hohen Kosten betroffen?
Die Auswirkungen steigender Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten unterscheiden sich je nach Haushaltstyp und Einkommen. Besondere Belastungen können unter anderem entstehen für Alleinerziehende, prekär Beschäftigte, Personen in Aus- und Weiterbildung, Rentnerinnen und Rentner, Haushalte in energetisch ineffizienten Gebäuden. Entscheidend ist nicht nur die Höhe der einzelnen Kosten. Wichtig ist auch, welche Möglichkeiten ein Haushalt besitzt, auf steigende Ausgaben zu reagieren.
Forschungslücke: Die Kosten gemeinsam untersuchen
Trotz intensiver Forschung fehlt bislang eine integrierte Betrachtung der drei Bereiche Wohnen, Energie und Mobilität. Noch nicht ausreichend bekannt ist:
- wie sich die Kosten gegenseitig beeinflussen,
- welche Rolle der Wohnstandort spielt,
- wie sich der Sanierungsstand eines Gebäudes auswirkt,
- welche Haushalte besonders stark belastet sind,
- welche Einsparstrategien Haushalte entwickeln und
- wie sich die Belastungen auf Lebensqualität und soziale Teilhabe auswirken.
WoEnMo setzt an dieser Forschungslücke an. Das Projekt verbindet die verschiedenen Kostendimensionen und untersucht ihre räumlichen und sozialen Folgen.
Ziele des Forschungsprojekts WoEnMo
- Kostenbelastungen erfassen: Wir untersuchen, wie Wohn-, Energie- und Mobilitätskosten zusammenwirken und welche Haushalte besonders betroffen sind.
- Soziale Folgen verstehen: Wir analysieren, wie Haushalte mit steigenden Kosten umgehen und welche Auswirkungen dies auf Lebensqualität und soziale Teilhabe hat.
- Monitoring entwickeln: Wir erarbeiten ein Konzept, mit dem integrierte Wohnstandortkosten künftig regelmäßig erfasst und politisch bewertet werden können.
Methodisches Vorgehen
WoEnMo arbeitet mit einem Mixed-Methods-Ansatz. Quantitative und qualitative Forschungsmethoden werden miteinander verbunden.
- Quantitative Befragung: In einer quantitativen Primärerhebung erfassen wir die Kostenbelastungen privater Haushalte. Erhoben werden unter anderem Angaben zu Kosten in den 3 Dimensionen, zum Haushalt, zur Wohnsituation sowie zur wahrgenommenen finanziellen Belasung. Die Befragung soll zeigen, welche Kombinationen von Kosten bei unterschiedlichen Haushaltstypen auftreten.
- Qualitative Interviews: Ergänzend führen wir qualitative Interviews durch. Dabei stehen die Erfahrungen und Bewältigungsstrategien der Haushalte im Mittelpunkt. Die Interviews helfen dabei, die persönlichen und sozialen Folgen der Kostenbelastungen besser zu verstehen.
- Verbindung mit bestehenden Daten und Monitoringkonzept: Die Ergebnisse der eigenen Erhebungen werden mit vorhandenen Sekundärdaten verbunden. Dazu gehören beispielsweise Daten aus dem Mikrozensus sowie der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Die Erfahrungen aus den Befragungen und Interviews bilden die Grundlage für ein regelmäßiges Monitoring.
Transfer und politische Verwertung
WoEnMo erhebt empirische Daten für politische Entscheidungsprozesse. Die Ergebnisse sind besonders für die Sozial-, Wohnungs-, Energie- und Verkehrspolitik relevant.
Wohnkosten umfassender bewerten
Die integrierte Betrachtung soll verbreitete Annahmen über günstiges und teures Wohnen überprüfen. Eine niedrige Miete bedeutet nicht automatisch, dass ein Wohnstandort insgesamt günstig ist. Hohe Heizkosten, lange Wege und eine starke Autoabhängigkeit können mögliche Mietvorteile ausgleichen. Das gilt besonders für ländliche Räume. Dort können höhere Energie- und Mobilitätskosten dazu führen, dass das vermeintlich günstige Wohnen insgesamt deutlich teurer wird.
Soziale und psychische Folgen sichtbar machen
Hohe Wohnstandortkosten können nicht nur finanzielle Auswirkungen haben. Sie können auch psychische Belastungen verstärken und die gesellschaftliche Teilhabe einschränken. Mögliche Folgen sind:
- dauerhafte finanzielle Sorgen,
- Verzicht auf Freizeit und Kultur,
- weniger soziale Kontakte,
- eingeschränkte Mobilität,
- gesundheitliche Belastungen und
- geringere Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Grundlage für politische Entscheidungen schaffen
Die Ergebnisse sollen die Wissens- und Datengrundlage in der Wohnungs-, Energie-, Mobilitäts- und Sozialpolitik erweitern. Sie können dazu beitragen besonders belastete Haushalte zu identifizieren, regionale Unterschiede besser zu verstehen und bestehende Unterstützungsangebote zu überprüfen. Für die wissenschaftliche und sozialpolitische Verwertung ist ein enger Austausch mit dem Projektbeirat und weiteren Akteurinnen und Akteuren vorgesehen.